SZ-online vom 22.03.2015

Pappritzer inspizieren Asylbewerberheim

Hunderte wollten gestern wissen, wie Flüchtlinge hier leben werden. Der Sozialbürgermeister geriet in Erklärungsnot.

Von Kay Haufe

Foto: © Tobias Wolf

Roter Teppich liegt in den Fluren und Zimmern des neuen Pappritzer Asylbewerberheimes, in den Ein-, Zwei- und Dreibetträumen sind verpackte Bettwäsche, Handtücher und Deckensets auf den Betten ausgebreitet. Jedes Zimmer hat einen Kühlschrank und ein separates, hell gefliestes Bad mit Dusche, WC und Waschbecken. Die Sonne scheint durch große Fenster. „Das ist doch hier purer Luxus. Wenn die hier einziehen, wollen die Asylbewerber doch nie wieder weg aus Deutschland und bekommen einen falschen Eindruck von unseren Wohnverhältnissen“, ruft laut ein älterer Pappritzer. Seinen Namen will er nicht nennen.

Gemeinsam mit Hunderten anderen Interessenten ist er gestern auf den Wachwitzer Höhenweg gekommen, um zu sehen, wie im einstigen Hotel künftig Asylbewerber betreut werden. Viele müssen lange anstehen, um ins Haus zu kommen, so groß ist das Interesse. Auf den Gängen wird es streckenweise eng. Der rote Teppich bringt nicht allein den Rentner in Rage. Da nützt es wenig, dass ihm Sylvia Hänsch vom Sozialamt erklärt, dass der Teppich Bestandteil des Hotels war und nur wenig verändert wurde, um Kosten zu sparen.

Diskussion um Flüchtlinge

Eine Frau mit Pro-Pegida-Button an der Lederjacke beginnt vor dem Waschmaschinenraum eine Diskussion um „wirkliche Flüchtlinge“ und diejenigen, die aus ihrer Sicht aus wirtschaftlichen Erwägungen einen Asylantrag gestellt haben. „Keiner wird wieder abgeschoben. Einmal drin, immer da“, erhält sie lautstarke Unterstützung von einer älteren Dame.

Doch das will Werner Neugebauer von der Initiative „Willkommen im Hochland“ so nicht stehen lassen. Von den Kosovaren, die 2014 Asyl in Deutschland beantragt haben, sei nur ein Prozent anerkannt worden. Der Rest sei abgeschoben worden, erläutert er den beiden Frauen. Um sie hat sich schnell eine Menschentraube gebildet. Andere Zuhörer werfen ein, dass sie sich mehr Geld für die Dresdner Schulen statt für Asylheime wünschen. Weitere Mitglieder der Willkommens-Initiative nehmen an der Diskussion teil, tauschen Argumente mit den Besuchern aus. „Wir möchten die Flüchtlinge hier gut integrieren, da spielt es keine Rolle, woher sie kommen. Und im Asylverfahren wird geklärt, ob sie einen Anspruch auf Bleiberecht haben“, sagt Neugebauer ruhig und sachlich.

Eine Etage höher stellt sich Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos) den Fragen der Besucher. Viele Pappritzer, die in unmittelbarer Nähe des Heimes wohnen, bringen ihren Ärger über die mangelhafte Informationspolitik der Stadt zum Ausdruck. Immer nur stückchenweise und nur auf Nachfrage sei etwas bekannt geworden. Auch aktuell sind die Anwohner sauer. Während Sozialamtsleiterin Susanne Cordts noch am Freitag erklärte, dass sich unter den derzeit zugewiesenen Flüchtlingen rund 40 Prozent Familien befinden und sich das auch bei der Pappritzer Belegung widerspiegeln würde, rudert sie nun zurück. Stattdessen sollen heute 40 Alleinstehende aus dem Pappritzer Gustavheim einziehen . „Wir haben das erst am späten Freitagnachmittag so festgelegt, weil die Bewohner größerer Heime auch die Möglichkeit erhalten sollen, in kleinere Häuser zu kommen“, sagt Cordts.

Für die Anwohner ist das jedoch wieder ein Indiz, dass sie nicht ernst genommen werden. Und das muss sich der Sozialbürgermeister mehrfach anhören. Er verweist auf seine Pflicht, Unterbringungsmöglichkeiten für die Flüchtlinge zu finden. Auch dieses Jahr könnten bis zu 2630 neue dazukommen. Letztes Jahr bekam Dresden 1313 Asylbewerber zugewiesen.

Mit großem Interesse inspiziert der Schönfelder Erhard Wissel das neue Asylbewerberheim. Der ehemalige Zahnarzt engagiert sich im Albert-Schweitzer-Freundeskreis Dresden. Dieser hatte bereits im Vorfeld eine Diskussionsrunde zum Thema Asyl organisiert und dabei auch über die unterschiedlichen Religionen gesprochen, denen die Asylsuchenden angehören. Wissel hat dem Heimleiter ein Gastgeschenk mitgebracht. „Allerdings sind sie nur für Afrikaner geeignet, für die Erdnüsse Ausdruck des Willkommens sind“, sagt Wissel.

Auch Helmut Flach schaut mit seinem Sohn in Ruhe ein Zweibettzimmer an. „Das hat hier nichts mit Luxus zu tun, sondern ist im Gegensatz zu Turnhallen eine vernünftige Unterbringung“, sagt er. Von der Teilung in Gegner und Befürworter hält er nichts. „Wir sollten in Ruhe Argumente austauschen. Wenn wir ehrlich sind: Kein Asylbewerber nimmt uns irgendwas weg.“

Im provisorischen Café, das die Initiative „Willkommen im Hochland“ eingerichtet hat, herrscht Hochbetrieb. Dort bekommt Gebhard Ruess Angebote. „Ein Gast hat gefragt, ob wir Räume haben, wo gemeinsam musiziert werden könnte. Eine Frau wollte eine Kunsttherapeutin vermitteln, die traumatisierten Flüchtlingen aus Kriegsgebieten helfen könnte“, sagt Ruess. Das Sozialamt will solchen Asylbewerbern dort Einzelzimmer geben. Während der Besucherstrom im Heim nicht abreißt, spielen nur wenige Hundert Meter entfernt zwei Mannschaften auf dem Bolzplatz Fußball. Darunter etliche Asylbewerber aus dem Gustavheim, die seit Wochen von Mitgliedern der Initiative „Willkommen im Hochland“ dazu eingeladen werden.

Heute macht die asylkritische Pegida-Bewegung wieder ihren Spaziergang, trifft sich am Altmarkt. Allerdings gibt es gleich zwei Gegenveranstaltungen. Das Bündnis „Dresden Nazifrei“ veranstaltet ab 17 Uhr eine Kundgebung auf dem Neumarkt und ab 19 Uhr ruft das Bündnis „Dresden für alle“ Teilnehmer zum Postplatz. Von dort startet die „Prozession der Angsthasen“, mit möglichst vielen Hasenkostümen.

DNN-Online, 22.03.2015

Tag der offenen Tür im Asylbewerberheim Dresden-Pappritz sorgte für Besucheransturm und kritische Anwohnerstimmen

Foto: DNN

Dresden. Der Tag der offenen Tür im Übergangswohnheim Dresden-Pappritz sorgte am Sonntagnachmittag für einen Besucherandrang. Die Stadtverwaltung hatte die Bürger eingeladen, sich selbst ein Bild von dem Wohnheim am Wachwitzer Höhenweg zu machen. Als die Mitarbeiter des Sozialamtes und ihr Bürgermeister Martin Seidel (parteilos) jedoch am Sonntag an dem ehemaligen Hotel ankamen, waren zunächst die Türschlösser mit Holzstücken verstopft.

Schnell konnten diese jedoch entfernt und die Türen geöffnet werden. Wer hinter der Aktion steckte, blieb unklar. Die erstem Flüchtlinge sollen voraussichtlich am Montag im Übergangswohnheim einziehen, die nächsten am Mittwoch folgen. 60 Plätze gibt es am Wachwitzer Höhenweg insgesamt, zunächst sollen nach Angaben von Sozialamtsmitarbeiter Torsten König 40 Plätze belegt werden. Woher die Flüchtlinge stammen und ob es sich um Familien oder Alleinstehende handelt, sei noch unklar, so König.

„Ich begrüße alle Einwohner hier zum Tag der offenen Tür und hoffe auf ein gutes Miteinander hier in Pappritz, obwohl ich weiß, dass die Bedingungen der Infrastruktur nicht die besten sind“, so Bürgermeister Martin Seidel in einer Ansprache. Während des Nachmittages bot die Stadt Rundgänge durch das Haus und Informationsvorträge zum Asylrecht und Asylverfahren an.

Die Stimmung der Einwohner, die dem Rundgang durch das Heim folgten, reichte von interessiert und hilfsbereit bis zu aggressiv-frustriert. „Ich würde den Flüchtlinge gerne mit Sachspenden, vor allem mit Kinderkleidung helfen, wo kann ich die abgeben“, erkundigte sich eine Anwohnerin. „Die Stadt soll den Bus mit Flüchtlingen einfach wieder zurück schicken, wo er hergekommen ist. Keiner will hier ein Heim, das hat die Politik wieder entschieden, ohne die Bürger zu fragen“, geiferte ein anderer Anwohner.

Mehrfach wurde der Vortrag zum Asylrecht, gehalten von Torsten König, unterbrochen von aggressiven Zwischenrufen. Man habe Bedenken, Tür an Tür mit den Flüchtlingen zu wohnen, hieß es von den Bewohnern. Warum genau sie skeptisch sind, blieb unklar und diffus. Auch Michael Bockting vom Verein „Willkommen im Hochland“ kennt die Skepsis der Anwohner, die sich zum Teil nur sehr unkonkret äußert. „Manche Anwohner betrachten das Heim mit Bedenken, da sie Angst vor Kriminalität haben, andere können ihre Skepsis schwer genauer erklären“, berichtet er aus seinen Gesprächen mit den Bürgern. Oft stecken wirtschaftliche Bedenken dahinter und die Befürchtung, die Grundstücke in Pappritz könnten durch die Nähe zum Heim an Wert verlieren. Der Verein hat den Tag der offenen Tür mitorganisiert, um Vorurteile abzubauen und einen Dialog im Stadtteil anzustoßen, berichtet Bockting. Auch über den Tag hinaus will der Verein das Gespräch mit den Bürgern suchen und die schon angelaufenen Deutschkurse für die Flüchtlinge fortsetzen.

 

© DNN-Online, 22.03.2015

Die Sprachgruppe beim Tag der offenen Tür

Natürlich war auch die Sprachgruppe beim Tag der offenen Tür am 22.03.2015 in Pappritz präsent. Wir konnten einige konstruktive Gespräche führen und sogar Mitglieder und Unterstützer dazu gewinnen. Wir sind gespannt auf die Ankunft der Asylbewerber und haben uns schon in den Startlöchern positioniert. Wenn Sie Interesse an einem Engagement in der Sprachgruppe haben, können Sie sich über die E-Mail Adresse sprache@willkommen-im-hochland.de  bei uns melden. Weitere Informationen zu unserer Gruppe finden Sie unter dem Menüpunkt “Sprache”.

DNN 19.3.2015: Pappritzer Verein bietet Deutschunterricht für traumatisierte Flüchtlinge an

60 Flüchtlinge sollen bald in einem früheren Hotel in Dresden-Pappritz einquartiert werden. Obwohl viele Einwohner den Standort ablehnen, gibt es auch Befürworter. Sie haben sich in dem Verein “Willkommen im Hochland” zusammengeschlossen. “Ich engagiere mich, weil ich auch über Hilfe froh wäre, wenn ich in eine ähnliche Situation kommen würde”, sagt die 56-jährige Dominique Bockting.

Dass sie es mit ihrem Engagement ernst meint, hat sie bereits jetzt, wo das Heim noch gar nicht eröffnet wurde, unter Beweis gestellt. Seit Mitte Februar gibt die gebürtige Französin im Pappritzer Bürgerhaus Deutschunterricht für Flüchtlinge aus anderen Dresdner Unterkünften. “Der Unterricht ist aus einer ganz rührenden Begegnung heraus entstanden. Mit der Freizeitgruppe des Vereins organisieren wir jeden Sonntag Fußballspiele für Flüchtlinge aus dem Niederpoyritzer Gustavheim. Am Rande einer Veranstaltung kam ein etwa 20-jähriger Mann mit traurigem Blick auf mich zu und brachte mit Händen und Füßen und einigen Worten Englisch und Französisch zum Ausdruck, dass er gerne Deutsch lernen möchte”, erinnert sich Bockting. Sie habe ihn dann kurz entschlossen für Montag zur ersten Deutschstunde nach Pappritz eingeladen.

In den folgenden Wochen hatte die 56-jährige Bibliothekarin auf einmal eine Gruppe von sieben jungen Männern vor sich, die aus Libyen, Syrien, Marokko und dem Irak kamen. “Wir haben mit typischen Sätzen wie z.B. ‘Ich heiße’ angefangen.” Schwierig sei für die Flüchtlinge besonders die Aussprache der Vokale sowie der Unterschied zwischen “e” und “i” gewesen, erklärt Bockting. Dennoch ließen sie sich von diesen Hürden nicht abhalten. “Man hat richtig gemerkt, dass sie lernen wollen”, freut sich die 56-Jährige, wenn sie daran denkt.

Allerdings war das nicht das Einzige, was sie bemerkt hat. “Einige Flüchtlinge kamen hier morgens total erschöpft an, weil sie in den Sechs-Bett-Zimmern ihrer Unterkünfte nicht schlafen konnten oder weil sie sich die ganze Nacht Sorgen um ihre Familie in der Heimat gemacht haben.” Höflich seien sie trotzdem immer gewesen und vor allem dankbar.

Einer, der von Anfang an stets mit Begeisterung dabei war, ist der 27-jährige Mohammed aus Syrien. “Ich freue mich sehr über diese Gelegenheit. Zum einen weil die Sprache wichtig ist, um in Deutschland zurecht zu kommen und zum anderen weil wir auf diese Weise eine Aufgabe haben.”

Der junge Mann hat sein Heimatland verlassen, weil er nicht töten wollte. Sowohl in der Armee von Syriens Diktator Baschar al-Assad als auch in der oppositionellen Freien Syrischen Armee wäre dies auf ihn zugekommen. Einen Ausweg habe es nicht gegeben, weil man sich früher oder später für eine Seite entscheiden müsste. “Ich kann nicht zurück. Denn entweder muss ich dann selber töten oder ich werde getötet”, so Mohammed.

Trotz der bewegenden Flüchtlingsschicksale formiert sich in Pappritz weiter der Widerstand gegen das im Nordic Hotel geplante Heim. Allerdings ist aus den Reihen der Initiative, die 600 Unterschriften gegen das Asylheim gesammelt hat, zu hören, dass sich der Protest nicht gegen die Menschen, sondern nur gegen den Standort richte. Bemängelt werden nach wie vor der unzureichende Brandschutz des Gebäudes, eine fehlende Infrastruktur im Ort sowie das nicht vorhandene Außengelände.

Nachdem Mitglieder der Initiative Einsicht in den zwischen der Stadt und dem Betreiber geschlossenen Mietvertrag hatten, ärgern sie sich zudem darüber, dass sie von der Verwaltung so spät informiert worden sind. Denn als sie am 10. November bei der Ortschaftsratssitzung in Cunnersdorf erstmals von dem Heim hörten, war der Mietvertrag zwischen der Stadt und dem Betreiber Real Estate KG Muldau bereits seit über einem reichlichen Monat unter Dach und Fach.

Ungewöhnlich ist dies nach Angaben der Stadtverwaltung jedoch nicht. “Der Mietvertrag stand unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch den Stadtrat. Hätte der Stadtrat es abgelehnt, am Wachwitzer Höhenweg ein Wohnheim für Flüchtlinge einzurichten, wäre der Mietvertrag hinfällig gewesen”, sagt Marco Fiedler, Referent von Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos).

Ein derartiges Vorgehen sei nötig, weil sich sonst Vertragspartner nach der Zustimmung des jeweiligen Gremiums nicht mehr an die ausgehandelten Konditionen halten könnten, so Fiedler, der auf schlechte Erfahrungen bei der Anmietung des Heims in der Gustav-Hartmann-Straße in Laubegast verweist, wo sich der Eigentümer im Vorfeld nicht vertraglich binden wollte. Wer sich selbst ein Bild vom Pappritzer Heim machen möchte, hat am kommenden Sonntag von 14 bis 17 Uhr beim Tag der offenen Tür Gelegenheit dazu.

Stephan Hönigschmid

 

jrs

Seit Mitte Februar gibt die gebürtige Französin Dominique Bockting
im Pappritzer Bürgerhaus Deutschunterricht für Flüchtlinge.
Foto: Anja Schneider